Aserbaidschan: Öl als Quelle des Reichtums am Kaspischen Meer

Die Ölquellen bestimmen seit Urzeiten die Geschichte Aserbaidschans. Das Erdöl ermöglichte dem Land auch nach dem Zerfall der Sowjetunion und den Kriegswirren in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen neuen rasanten Aufstieg. Das turksprachige Land zwischen Kaukasus und Kaspischem Meer beansprucht für sich eine Brückenfunktion zwischen Europa und Asien, ist ein wichtiger Nord-Süd-Korridor und möchte zugleich von den Gegensätzen zwischen Ost und West profitieren.

Ein Hauch von Orient - Strassenmusiker in Baku (Foto: Ballin/.rufo)

Ein Hauch von Orient - Strassenmusiker in Baku


Die Geschichte Aserbaidschans reicht bis in die Antike zurück. Aserbaidschan war eine Provinz des römischen Imperiums. Der Legende nach soll auch der Priester Zarathustra hier gelebt haben. Der Feuerkult blühte dank der reich vorhandenen Ölquellen im Land.

Im 7. Jahrhundert wurde Aserbaidschan islamisiert. In der Folgezeit stritten sich Persien, das Osmanische Reich und später das Russische Zarenreich um die Vorherrschaft in der Region. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde Aserbaidschan (Aserbeidschan) russische Provinz. Zu Aserbeidschan gehört heute auch das Autonome Gebiet Nachitschewan, zwischen Armenien und der Türkei gelegen. Im Norden des benachbarten Iran ist die Bevölkerungsmehrheit aserbaidschanischer Abstammung und hat starken Einfluss auf die Politik in Teheran.

Erster Ölboom im 19. Jahrhundert

In der Zarenzeit begann die intensive Nutzung der aserbaidschanischen Ölquellen. Das Erdöl wurde zwar bereits seit dem Mittelalter exportiert (u.a. für das Griechische Feuer), doch erst der Ölboom des 19. Jahrhunderts machte den Rohstoff zum Schwarzen Gold. Zeitweise wurde in der Region mehr als die Hälfte der weltweiten Erdölförderung abgewickelt. Für den Export wurde 1880 die erste Bahnlinie in Aserbaidschan fertig gestellt. Die Aserbaidschanische Eisenbahn ist damit eine der ältesten Eisenbahnen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion.

Für den Aufbau der sowjetischen Chemieindustrie war das Erdöl in Aserbaidschan unerlässlich, die reichen Lagerstätten Sibiriens wurden erst später entdeckt. Das Öl weckte sogar die Begehrlichkeiten Adolf Hitlers: Ein Ziel des Feldzugs der Wehrmacht gegen die Sowjetunion war daher das Erreichen der Ölquellen um Baku. Die Rote Armee konnte die Angreifer jedoch vor Überschreiten des Kaukasus stoppen.

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Konflikt um Berg-Karabach (Nagorny Karabach)

Die Erlangung der Unabhängigkeit wurde in Aserbaidschan durch den Verlust der mehrheitlich von Armeniern bewohnten Provinz Berg-Karabach überschattet, der durch anti-armenische Pogrome in Baku und Sumgait ausgelöst wurden.

Der blutige Karabach-Konflikt ist aber seit Mitte der 90iger Jahre dank internationaler Vermittlung eingefroren, Berg-Karabach ist de facto unabhängig, aber nur in Anlehnung an Armenien lebensfähig. Baku fordert die Rückkehr des Gebietes in den Staat Aserbeidschan.

Der jahrelange Krieg um Berg-Karabach, der auch noch in eine Zeit niedriger Ölpreise fiel, hatte zu einem wirtschaftlichen Niedergang Aserbaidschans geführt. Inzwischen sind die Ölpreise wieder hoch und Aserbaidschans Wirtschaft wächst seit gut einem Jahrzehnt rasant.

Die Hauptstadt Baku erlebt einen Bauboom, auf den Straßen der Kaukasus-Metropole stehen dicke Geländewagen und Mercedes-Limousinen einträchtig im Stau, denn zumindest ein kleiner Teil der Gesellschaft hat von dem wirtschaftlichen Aufschwung unter den Alijews – Präsident Heydar Alijew hat in einer Art Thronfolge kurz vor seinem Tod das Amt an seinen Sohn Ilham vermacht – auch persönlich profitiert.

Dieser Pracht- und Machtbau mitten in Baku am Ufer des Kaspischen Meeres ist heute der Sitz des Parlaments (Foto: Ballin/.rufo)

Dieser Pracht- und Machtbau mitten in Baku am Ufer des Kaspischen Meeres ist heute der Sitz des Parlaments (Foto: Ballin/.rufo)

Lieferant für Ost und West

Eine Pipeline in die Türkei kann bis zu 50 Mio. Tonnen Öl pro Jahr nach Westen transportieren. Zudem ist Russland trotz eigener Quellen nach wie vor ein wichtiger Abnehmer aserbaidschanischer Kohlenwasserstoffe.

Der Streit zwischen Russland und der EU um die Energieressourcen kommt Aserbaidschan sehr zupass. Die Europäer wollen die Gaspipeline Nabucco verlegen, Aserbaidschan zeigt Interesse, zögert aber mit festen Lieferzusagen. Denn zur gleichen Zeit hat auch Moskau massiv die Preise für aserbaidschanisches Öl und Gas erhöht, um die Europäer auszustechen – und ist mit dem Bau einer zweiten Ost-West-Pipeline in der Region, dem Projekt South Stream, wesentlich weiter, als Nabucco.

Durch diesen Streit ist Aserbaidschan in der angenehmen Lage, die beiden Konkurrenten um seine Rohstoffe zu einem Wettfeilschen zu treiben – und der Handel liegt den Aserbaidschanern im Blut. Seit Jahrhunderten haben sie mit Tomaten, Pfirsichen und Weintrauben gehandelt. Nun handeln sie eben mit Gas und Öl.

(Oktober 2010, ab/mig/rufo)

Kategorie: Allgemein, Aktualisiert am 15. Oktober 2010 von Redaktion | Anmelden